Zurück

München, 24.05.06

Ihm Rahmen des Semesterprogramms hat das Studentinnenheim Aurach in München am vergangenen Dienstagabend Herrn Thomas Weitzenfelder, Mitarbeiter für Integrationsfragen der Stadt Nürnberg und Experte bezüglich der Beziehung zwischen der türkischen und unserer deutschen Kultur, zu einem Vortrag zum Thema „Muslime in Deutschland“ eingeladen. Das Seminar, das in Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung organisiert wurde, stieß auf großes Interesse.

Nach einem historischen Rückblick auf die Gründung der Türkei aus dem Osmanischen Reich heraus, betrachten wir die Entwicklung der letzten 45 Jahren, d. h. beginnend beim sog. „Abkommen von Ankara“, in dem die Zuwanderung türkischer Gastfamilien nach Deutschland initiiert wurde. Die wirtschaftliche Situation ist zu dieser Zeit in Deutschland sehr vielversprechend, es werden Arbeiter v. a. für körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten benötigt. Es besteht zwar die Regelung, den Aufenthalt des jeweiligen Gastarbeiters auf 2 – 5 Jahren zu befristen, sie findet jedoch keine Anwendung, so dass aus einem vorläufigen Aufenthalt ein Bleiben auf Dauer wird.

Die Zuwanderer kommen meist aus eher ländlichen Gegenden der Türkei, in denen man noch sehr viel Wert auf alte Traditionen legt. Besonders auffällig für unsere Gesellschaft ist etwa die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Auch wenn sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auch in der Türkei das Denken moderneren Vorstellungen anpasst – vor allem in den Städten – so bleiben doch viele türkische Familien in Deutschland hinter dieser Entwicklung zurück. Langsam entsteht so auch eine Entfremdung gegenüber der alten Heimat.

Bald wächst in Deutschland die zweite und dritte Generation der Gastarbeiterfamilien heran. Die Eltern wollen ihre veralteten Wertvorstellungen an die Kinder weitergeben. In den meist wenig intellektuellen Arbeiterfamilien fällt es den Kindern schwer, sich mit der westlichen Kultur auseinander zu setzen. Die Familien bewohnen die gleichen Stadtvierteln, so dass der „Abschottungseffekt“ zunimmt.

Die ansteigende Arbeitslosigkeit verstärkt Unzufriedenheit und Frust, die Integration in unsere Gesellschaft wird immer problematischer und es wächst ein gewisses Gewaltpotential.

Allerdings gibt es auch Fälle, in denen es den Heranwachsenden doch gelingt, eine westliche Bildung zu genießen. Die Integration scheint gelungen. Jedoch entstehen durch die innere Auseinandersetzung zwischen traditionell-muslimischem Wertdenken und der westlichen, immer mehr zunehmenden kulturellen und religiös-moralischen Dekadenz oft Spannungen, die einen Nährboden für radikale Haltungen bis hin zum Terrorismus bilden.

Unter anderem kommen wir zum Schluss, dass der Dialog mit unseren Mitbürgern mit sog. „Migrationshintergrund“ nicht abreißen, ja sogar verstärkt werden muss. Dies stellt an uns den Anspruch, uns mehr mit unseren eigenen Wertvorstellungen und unserer Religiösität auseinander zu setzen, damit wir fähig sind, sie verständlich darzulegen und glaubhaft zu leben.

Im anschießenden Gedankenaustausch kam das Gespräch zunächst auf die Frage, in wie weit unsere Gesellschaft von radikal-islamistischen Gruppierungen gefährdet ist. Weitzenfelder gab zu denken, dass diese Gefahr ebenso in der türkischen Politik besteht. Auch dort versucht man mit allen Mitteln gegen extremistisches Gedankengut vorzugehen.

Als das Gespräch auf die Kopftuch-Problematik kam, wurde uns erläutert, dass das Kopftuch den muslimischen Frauen oft mehr Respekt von Seiten der Männer verleiht. Hier gilt es, den Männern dieses Denkschema bewusst zu machen, so dass sie allmählich lernen, auch Frauen ohne Kopftuch zu achten. Der Schleier einer muslimischen Frau kann nicht gleichgesetzt werden mit der Haube einer christlichen Ordensfrau. Während der Schleier ausnahmslos für alle muslimischen Frauen in Frage kommt, trägt die Ordensfrau die Haube als „Hochzeitsschleier“, da sie sich – anderes als alle übrigen christlichen Frauen - als Braut Christi versteht. Die Ordensfrau greift freiwillig zur Haube, wohingegen muslimische Frauen oft keine andere Wahl haben, da die Gesellschaft es ihnen auferlegt, das Kopftuch zu tragen bzw. sich zu verschleiern.

Bei den jüngsten Vorkommnisse im sog. „Karikaturenstreit“ wurden die Grenzen der Pressefreiheit überschritten. Man kann solche Aktionen wohl kaum anders als mit schlechtem Benehmen, Geschmackslosigkeit und fehlendem Respekt vor den religiösen Gefühlen anderer bezeichnen.

Das Ideal einer „Multi-Kulti“-Gesellschaft hält Weitzenfelder für eine Utopie. Zwar gab es in der Geschichte oft solche Situationen, z. B. der berühmte „Melting-Pott“ in den USA, jedoch ist aus dem Miteinander immer entweder eine ganz neue Gesellschaft entstanden, es wurde zum „Nebeneinander“, bzw. zu „Ghettorisierung“.

Abschließend wurde das Thema „Ehrenmord“ behandelt, das in den letzten Wochen aus aktuellem Anlass durch die Presse ging. Schnell kamen wir zu der Einsicht, dass das Töten einer muslimischen, jungen Frau, die sich anscheinend zu stark dem westlichen Verhalten geöffnet hat, nichts ehrenhaftes an sich hat. Hier muss am Ehrbegriff gearbeitet werden, besonders bei den muslimischen Männern.

Die Gesprächsrunde hat uns – darüber waren sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig – viele Gedankenanstöße gegeben und Perspektiven geöffnet. Wir danken Herrn Weitzenfelder für sein Engagement und für seine ansprechenden Darlegungen.